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Phobien
Phobien (phobos = Furcht): Irrationale Furcht vor bestimmten sozialen Situationen, Aktivitäten, Objekten (Mäuse, Schlangen, Spinnen etc.) oder Räumen. Die ausgeprägte Furcht steht in keinem Verhältnis zur wirklichen Gefahr. Phobien sind die größte Gruppe innerhalb der Angsterkrankungen, Schätzungen zufolge leiden bis zu 10 % der Bevölkerung daran, Frauen häufiger als Männer. Vor allem die soziale Phobie kann die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Behandelt wird mittels Reizkonfrontation (Exposition) im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Reicht dies nicht aus, kommen Medikamente zum Einsatz.
Symptome und Leitbeschwerden
- Überwältigendes, unangemessenes Angstgefühl gegenüber einer Situation oder einem Objekt, wie z. B. einer Spinne
- Gefühle von Bedrohung, verbunden mit Stresssymptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen, Atemnot, Schwindel, Erröten, Zittern
- Magenschmerzen oder Durchfall bei Konfrontation mit dem Angstauslöser
- Vermeidungsverhalten: Die Betroffenen tun alles, um die Begegnung mit dem Angst auslösenden Objekt zu vermeiden.
Wann in die Arztpraxis
Demnächst, wenn Phobien die Lebensqualität, das Familienleben oder das Ausüben des Berufs stark beeinträchtigen oder immer größere Lebensbereiche lahmlegen.
Die Erkrankung
Phobien gehören zu den Angststörungen. Sie werden in drei Gruppen eingeteilt:
- Agoraphobie: Angst vor öffentlichen Plätzen, Menschenmengen oder dem Alleinsein außer Haus
- Soziale Phobie: Angst vor sozialer Bewertung oder Kritik beim Zusammensein mit anderen Menschen, z. B. beim Reden oder Essen in Gesellschaft
- Spezifische oder isolierte Phobien: Angst vor einzelnen Objekten oder Situationen, z. B. Spinnen, Höhe oder Blut.
Für alle Phobien gilt, dass Frauen häufiger davon betroffen sind als Männer. Genaue Zahlen sind aufgrund der hohen Dunkelziffer ungewiss. Spezifische Phobien sind am weitesten verbreitet, etwa 6–8 % der Bevölkerung sollen daran erkrankt sein. Für die soziale Phobie liegt die Rate bei 2–7 %, für die Agoraphobie bei 1–3 %.
Krankheitsentstehung
Über die Ursache von Phobien gibt es etliche Theorien. Wahrscheinlich ist, dass sich Phobien durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren entwickeln.
Lerntheorie: Danach wird eine Angst antrainiert. Ein Beispiel aus der klinischen Praxis: Ein kleines Kind spielt in einem Sandkasten, das Auto der Eltern parkt einige Meter entfernt. Im Sandkasten taucht eine Blindschleiche auf. Das Kind erschrickt, rennt zum Auto, schlägt die Tür zu und klemmt sich sehr schmerzhaft die Hand ein. Es entwickelt nun eine ausgeprägte Phobie – aber nicht vor Autotüren, sondern vor Schlangen.
Lernen am Vorbild: Ein Beispiel dafür sind Kinder, die sehen, dass ein Elternteil panisch auf Spinnen reagiert – so entwickelt es selbst Spinnenangst. Die Angst vorm Fliegen wird oft durch Horrorgeschichten über Flugzeugabstürze geschürt.
Genetische und biologische Veranlagung: Viele Forschende gehen davon aus, dass manche Menschen von Natur aus ängstlicher veranlagt sind als andere – Phobien also auch in unseren Genen stecken. Dafür spricht, dass Phobien sich in manchen Familien häufen. Zudem scheinen Ungleichgewichte bei den Botenstoffen im Gehirn eine Rolle zu spielen.
Evolutionsbiologische Sicht: Tief in uns sind wir durch den Verlauf der Menschheitsgeschichte auf lebensbedrohliche Gefahren vorbereitet, so die Hypothese der Evolutionsbiolog*innen. Angst vor Schlangen, Höhen, dunklen Räumen oder feindlichen Gruppen lassen sich deshalb schneller antrainieren als die Furcht vor Autos oder anderen "neuzeitlichen" Errungenschaften.
Psychobiologische Modelle: Bei Phobien reagiert der Körper mit Herzklopfen, Schweiß oder Schwindel. Betroffene interpretieren diese Zeichen als Beweis, dass etwas Schlimmes passiert und ängstigen sich noch mehr. So entsteht ein Teufelskreis, bei dem sich eine anfängliche Unsicherheit bis zur Phobie steigern kann.
Tiefenpsychologische Sicht: Danach stecken hinter manchen Phobien unbewusste innere Konflikte oder Trennungsängste. Die Angst davor wird auf ein äußeres Objekt verschoben, weil diese leichter zu vermeiden sind als der innere Konflikt.
Klinik, Verlauf und Komplikationen
Die verschiedenen Formen der Phobien können je nach Ausprägung die Lebensqualität der Betroffenen erheblich belasten.
Die Agoraphobie (agora = weiter Platz) bedeutet zwar Platzangst, die Betroffenen haben jedoch eher Angst, ihre vertraute Umgebung zu verlassen. Sie scheuen sich, allein über leere Flächen zu gehen, aber auch vor engen, vollen Plätzen, z. B. in Menschenmengen, Supermärkten oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Reisen allein oder zu Orten mit größerer Entfernung ist für Betroffene fast unmöglich. Das damit verbundene Vermeidungsverhalten behindert die Patient*innen stark in ihrer Beweglichkeit. Agoraphobien setzen meist im frühen Erwachsenenalter ein, als Begleiterkrankungen sind Depressionen und Panikattacken häufig.
Soziale Phobien (soziale Neurosen) beginnen häufig in der Jugendzeit. Kennzeichnend ist die Furcht, von Mitmenschen negativ bewertet zu werden, daher werden Situationen vermieden, in denen man Blicken anderer ausgesetzt ist. Meist sind soziale Phobien mit einem niedrigen Selbstwertgefühl und der Furcht vor Kritik verbunden. Die Symptome können sich bis hin zu Panikattacken verstärken. Besonders typische, angstbesetzte Situationen sind Gespräche mit dem Vorgesetzten, Sprechen vor Publikum, Essen in der Öffentlichkeit und Wortmeldungen in Kleingruppen. Bleiben soziale Phobien unbehandelt, endet das nicht selten in ausgeprägter sozialer Isolation.
Spezifische Phobien sind auf isoliere Objekte oder Situationen beschränkt. Es gibt kaum etwas, was nicht Objekt einer isolierten Phobie werden kann, z. B. die Angst vor Mäusen oder Ratten (Zemmiphobie) oder vor Knoblauch (Alliumphobie). Am häufigsten ist jedoch die Spinnenphobie (Arachnophobie), die Höhenangst (Akrophobie), die Angst vor geschlossenen Räumen (Klaustrophobie, fälschlich oft als "Platzangst" bezeichnet) und die Angst vor Blut (Hämatophobie). Isolierte Phobien beeinträchtigen die Menschen im Vergleich zu anderen Angsterkrankungen verhältnismäßig wenig, da die Angst auslösende Situation meist gemieden werden kann. Sie beginnen oft bereits in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter und bleiben – unbehandelt – jahrzehntelang bestehen.
Diagnosesicherung
Angststörungen diagnostiziert die Ärzt*in anhand eines ausführlichen Gesprächs mit der Patient*in. Dabei kommen die psychischen und die körperlichen Symptome, die Auslöser der Angst und die Dauer ebenso zur Sprache wie das daraus folgende Vermeidungsverhalten. Häufig werden standardisierte Tests und Fragebögen eingesetzt, die auch dazu dienen, die Schwere der Erkrankung zu erfassen.
Mithilfe der sorgfältigen psychiatrischen Untersuchung lassen sich Phobien von anderen, ähnlich erscheinenden psychiatrischen Erkrankungen abgrenzen. Aber auch körperliche Erkrankungen sowie ein Drogen- oder Alkoholmissbrauch müssen ausgeschlossen werden. Dabei helfen neben der Anamnese u. a. das EKG, Laboruntersuchungen (Schilddrüsenhormone, Elektrolyte) und – gegebenenfalls – Urinuntersuchungen auf Drogen.
Differenzialdiagnosen. Ängste treten vor allem auch bei psychotischer Störung, ausgeprägter Depression, Zwangsstörung, beim Entzug von Drogen sowie bei Alkoholabhängigkeit auf. Auch manche körperlichen Erkrankungen können vermehrt Ängste hervorrufen. Dazu gehören Morbus Parkinson, Krebserkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen und Hormonstörungen (Schilddrüsenüberfunktion, Phäochromozytom).
Behandlung
Die Therapie zielt darauf, die Angstsymptomatik zu reduzieren, das Vermeidungsverhalten abzubauen und die soziale Integration zu fördern. Bei milden Formen reicht die Verhaltenstherapie mit Reizexposition oft aus. Bessert sich die Phobie dadurch nicht, kommen Medikamente hinzu. In sehr schweren Fällen kann eine tiefenpsychologische Therapie erforderlich werden, eventuell auch in stationärer Behandlung.
Kognitive Verhaltenstherapie und Exposition
Die kognitive Verhaltenstherapie mit Reizkonfrontation (Exposition) steht inzwischen bei spezifischen Phobien und bei sozialer Phobie therapeutisch an erster Stelle, bei der Agoraphobie gilt sie als gleichwertig mit einer medikamentösen Behandlung. Bei spezifischen Phobien reichen oft 1 bis 5 Sitzungen, bei sozialer Phobie oder Agoraphobie sind bis zu 20 Sitzungen üblich.
Bei der Reizkonfrontation wird die Patient*in schrittweise in die Angstsituation hineingeführt. Im Beisein der Therapeut*in können die Betroffenen der Angst auslösenden Situation standhalten und die Erfahrung machen, dass die befürchteten Katastrophen gar nicht eintreten.
Wenn jemand etwa an Höhenangst leidet, besteht die Reizkonfrontation darin, sich auf die Aussichtsplattform eines Kirchturms zu begeben und dort so lange auszuharren, bis keine Angst mehr verspürt wird. Bei anderen spezifischen Phobien wird entsprechend verfahren, z. B. mit Spinnen oder Blut konfrontiert. Ist dies in Realität nicht möglich, kann eine Expositionstherapie mit virtueller Realität angeboten werden.
Wer sich wegen einer Agoraphobie nicht traut, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, fährt in der Phase der Reizkonfrontation stundenlang – zunächst mit der Therapeut*in, später alleine – mit Bussen kreuz und quer durch die Stadt.
Bei sozialer Phobie lernen die Betroffenen, erst in Rollenspielen, dann in realen Situationen mit ihren Ängsten umzugehen. Sie bewältigen dabei häufig bestimmte Aufgaben wie Fremde ansprechen, sich absichtlich blamieren, Smalltalk halten oder Kritik annehmen. Hilfreich sind Videofeedback und das Sich-Vorstellen gefürchteter Katastrophen.
Medikamente
Reicht eine Verhaltenstherapie bei sozialer Phobie oder Agoraphobie nicht aus, kommen Medikamente zum Einsatz.
Beruhigende Psychopharmaka (Tranquilizer), insbesondere Benzodiazepine, können im akuten Fall gegeben werden, etwa wenn ein Mensch mit einer Phobie eine wichtige Prüfung ablegen muss oder eine Flugreise nicht vermieden werden kann. Wegen des Abhängigkeitspotenzials und anderer Nebenwirkungen wie starker Müdigkeit sind sie aber nur noch für akute Erregungszustände und für kurze Zeit indiziert.
Langfristig reduzieren die Antidepressiva SSRI (z. B. Sertralin) oder SSNRI (wie Venlafaxin) Ängste und Vermeidungsverhalten. Wirken diese Substanzen nicht ausreichend oder werden sie nicht vertragen, empfehlen die Leitlinien bei Agoraphobie Clomipramin, bei sozialer Phobie Moclobemid.
Prognose
Spezifische Phobien lassen sich mit der Reiztherapie sehr gut behandeln, bis zu 90 % der Betroffenen werden langfristig angstfrei. Die Erfolgsraten bei der Agoraphobie und der sozialen Phobie sind geringer und liegen bei bis zu 70 %. Unbehandelt endet eine schwere soziale Phobie oft in sozialer Isolation.
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Was Sie selbst tun können
Innere Einstellung. Angst schützt vor Gefahren und ist deshalb lebensnotwendig. Die Herausforderung besteht darin, der Angst wieder den richtigen Platz im Leben zu geben. Dazu ist es gut, "seine" Angst als grundsätzlich positiv anzunehmen und nicht als Feind zu betrachten.
Wird die Angst jedoch unangebracht und hinderlich – was die Betroffenen bei einer Phobie ja grundsätzlich wissen – hilft es, in ein "inneres Gespräch" mit der Angst zu treten: "Angst, es ist gut, dass ich dich habe, aber ich bin mir sicher, dass diese Situation ungefährlich ist." Dies klingt einfacher, als es in der Praxis ist, weshalb kognitive Verhaltenstherapien, aber auch Ratgeber ergänzend zur Reizkonfrontation helfen können, dies im Alltag zu praktizieren.
Selbsthilfegruppen. Zum besseren Verständnis der Erkrankung kann auch der regelmäßige Austausch mit ebenfalls Betroffenen beitragen. Das gilt insbesondere für Menschen mit sozialer Phobie und Agoraphobie.
Weiterführende Informationen
Patienteninformation der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg: Angststörungen
Quelle:
S-3-Leitlinie "Behandlung von Angststörungen Version 2"
31.03.2026 | Gisela Finke, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Dr. med. Sonja Kempinski ; Bildrechte: mauritius images / Westend61 / Nabiha Dahhan
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